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Hinter den Kulissen von Fluchtpunkt San Francisco
(Englische Originalfassung: Vanishing-Point)



 
Teil II - The Making of the Movie
 
 
Colorado
OA 5599
 


Interview mit Cary Loftin und Barry Newman
 

24 Jahre nach der Premiere von Fluchtpunkt San Francisco ist die Euphorie um den Film grösser denn je, zwischenzeitlich wurde sogar der Film mit gleichem Inhalt neu verfilmt. James Kowalski hat nun einen Vornamen erhalten.

Dieser Teil basiert auf zwei Interviews, eines mit dem damaligen Stuntkoordinator Cary Loftin und natürlich mit dem Star des Filmes, Barry Newman, Alias Kowalski. Die Interviews gaben Aufschluss über viele Geheimnisse und zahlreiche erzählte Geschichten lösten sich in Rauch auf.


Links Barry Newman & Rechts Cary Loftin

Cary Loftin hat in zahlreichen Hollywood-Filmen die Stunts koordiniert und ausgeführt, wie z.B. in:

- Duell
- On the Beach
- Eine total, total verrückte Welt
- Grand Prix


Barry Newman singt ein grosses Loblied über Cary:
Er hat mich in dem Film grossartig aussehen lassen!

Ein wesentlicher Unterschied zwischen den Aufnahmen zum Film Bullitt und Fluchtpunkt San Francisco war der Eindruck der Geschwindigkeit. Als der Mustang und der Charger durch die Strassen von San Francisco rasten, bewegten sich diese mit der wirklichen Geschwindigkeit. Für Fluchtpunkt San Francisco wurden Zeitrafferaufnahmen gemacht. Die Spitzengeschwindigkeit war gemäss Loftin 160 – 180 Km/h. Die Dodge Challenger's hatten alle zu kurz übersetzte Hinterachsen und daher liess man die Kameras im Zeitraffer laufen um den Eindruck von hoher Geschwindigkeit zu vermitteln. Da es in der Wüste keine Nebeneffekte wie spazierende Leute gab spielte der Trick überhaupt keine Rolle. Es sieht dann wirklich so aus, ob ein Auto durch die Luft fliegt. Für die Szenen mit dem Jaguar wurden die Kameras nur mit halber Geschwindigkeit laufen lassen! Die Tatsächliche Geschwindigkeit war bis maximal 80 Km/h, auf dem Filmstreifen vermittelten wir aber den Eindruck von 160 Km/h.

Barry Newman erinnert sich gut an die langsame Geschwindigkeit während den Aufnahmen. Was passiert, wenn man ein Auto von der Seite aufnimmt, man kann mit rund 50 Km/h vorbeifahren, es sieht aber aus, als ob man mit 20 fährt. Dies aus dem Grund, weil die Perspektive weg ist und der Zuschauer die Geschwindigkeit nicht abschätzen kann.

Gemäss Cary Loftin fuhr Barry Newman den Dodge Challenger während den Dreharbeiten sehr gut. Er lernte so schnell mit dem Wagen umzugehen, dass ich es nicht glauben konnte. Barry legte sogar ohne das Wissen des Regisseurs eigene Stuntszenen ein. Wie z.B. die Szene vor dem Crash, auf welcher Barry eine 180 Grad Wendung auf der Strasse macht und auf der Strasse wieder zurückfährt. Loftin war allerdings nicht sehr überrascht; er meinte, Barry Newman sei ein guter Zuhörer und Schüler! Er hat während der gesamten Dreharbeiten grossartige Arbeit geleistet.

Das Fahren durch die Wüste war gemäss Newman nicht nur Spass pur. Sie hatten enorme Arbeit den Verkehr abzuriegeln. Er sei während der Dreharbeiten einmal fast in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Das Filmteam sperrte die Strassen in ca. 10 Km Entfernung ab um den Verkehr fernzuhalten, während sie die Aufnahmen machten. Einer der Challenger wurde als Kameraauto benutzt und war mit drei Kameras ausgestattet. Eine davon war auf der Motorhaube montiert und filmte mit Blick durch die Windschutzscheibe auf den Fahrer. Eine zweite Kamera wurde an der Frontstossstange montiert, mit Blickrichtung voraus auf den Mittelstreifen. Die dritte Kamera montierten sie an die Heckstossstange. Während den Dreharbeiten hatten sie mit starkem Sonnenlicht zu kämpfen. Es war während der Fahrt fast unmöglich mit dem Mix Sonnenlicht und der Geschwindigkeit alles richtig zu sehen. Barry fuhr auf dem kontrollierten Strassenabschnitt ca. 10 Kilometer und plötzlich sah er wie ein Fahrzeug auf ihn zukommt. Es war jemandem gelungen durch die Absperrungen auf diese Strecke zu gelangen. Barry zog in letzter Sekunde nach rechts und steuerte den Dodge Challenger einen Hügel hinauf. Ein paar Kameras fielen während des Manövers ab, aber alles ging gut. „Das war knapp!“ meinte Barry Newman.

Für die spektakuläre Crash-Szene am Ende des Filmes, in welcher Kowalski in die Strassensperre aus Bulldozern rast, wurden spezielle Vorbereitungen getroffen. Für die Vorbereitungen dieser Szene waren mehrere Tage an Vorbereitungen nötig. Ein alter, weisser 1967er Chevy Camaro wurde gekauft und für den Stunt vorbereitet. Hierfür wurden der Motor und das Getriebe ausgebaut. Ein ausgeklügeltes System einer Zugvorrichtung, welche Loftin in der Vergangenheit bereits des Öfteren erfolgreich angewendet hatte, wurde installiert. Der Wagen wird dabei gezogen, während des Zugvorganges bewegt sich der Wagen auch ohne Lenkung immer in die Richtung zum „Drehpunkt“. Allerdings war die Strasse nicht eben und der Wagen driftete während den ersten Versuchen immer von der Strassenmitte ab. Ein Mechaniker stellte die Spur solange nach bis der Camaro exakt in der Mitte der Strasse fuhr.

Ca. 400 Meter von den Bulldozern entfernt, stellten wir den Camaro auf, das Kabel war etwas länger wie die Strecke.  Die Strecke führte über einen leichten Hügel, eine leichte Kurve nach links direkt hin zu den Bulldozern. Als wir anfingen den Camaro zu ziehen, war dieser nicht zu sehen. Wir waren nicht 100% sicher, dass es perfekt ablief, aber nach all den Versuchen waren wir zuversichtlich, dass der Stunt klappte. Der Camaro wurde mit rund 130 Km/h gegen die Bulldozer gezogen.

 

Mit ausgebautem Motor und Getriebe hatten wir die Vermutung, dass sich der Camaro hochkant überschlagen würde. Aber es kam anders. Er verkeilte sich völlig in den Bulldozern, was auch zu einem viel besseren Effekt des Crashs führte. Der gesamte Motorraum war vollgepackt mit Sprengstoff und dieser sollte beim Aufprall mit den Bulldozern hochgehen. Würde der Camaro während des Zuges von der Strasse abkommen und auf einen harten Aufprall mit der Front haben, würde es den Sprengstoff auslösen. Der Regisseur setzte die Schaufeln der Bulldozer rund 20cm auseinander, es hatte gerade mal genügend Platz um das Kabel durchzulassen. Auf die Frage von Sarafin, wann der letzte Moment sei die Aktion abzubrechen gab ihm Loftin die Antwort: Ca. 2 Sekunden nach dem Start der Szene (Action). Wenn der Camaro einmal in Fahrt sei, gäbe es keine Möglichkeit mehr ihn zu stoppen. Das Einzige was ihn zum Stehen bringen würde, wären die Bulldozer. Auf der anderen Seite der Bulldozer wurde der 383er Dodge Challenger an das andere Ende des Kabels gekoppelt. Wir verwendeten genau diesen Challenger, weil er das einzige Fahrzeug mit einem Automatikgetriebe war. Mit einem 4-Speed würde während des Schaltvorganges die Zugkraft auf den Camaro abfallen, das Kabel würde durchhängen und er würde unkontrolliert auf der Strasse schlingern. Wir wollten den Camaro nicht verlieren und einen weiteren Crash Wagen besorgen. Der 383er verfügte wie die 440er über genügend Kraft den Camaro zu ziehen.

Was nach den Drehaufnahmen zu Fluchtpunkt San Francisco geschah, war fast ebenso interessant wie die Dreharbeiten selber, erzählte Newman. Ein Teil des Filmes wurde weggeschnitten um ihn von 107 auf 95 Minuten zu kürzen. Da gab es eine wundervolle Szene, in welcher Kowalski eine Anhalterin, gespielt von Charlotte Ramplin, mitnimmt. Die Anhalterin war in schwarze Kleider gehüllt und stand leicht im Nebel. Sie hielt ein Schild mit der Aufschrift „San Francisco“ in den Händen. Kowalski nimmt sie mit. Während der Fahrt fragt sie ihn, wer er genau sei. Er antwortet: Ein Autoagentur Fahrer. Sie verbrachten die ganze Nacht zusammen und redeten. Sie sagte zu Kowalski: "Geh nicht weiter nach San Francisco" und verschwand auf mysteriöse Art. Sie war das Symbol des Todes. Es war eine sehr interessante Szene, weil sie dem Film wirklich einen sinnbildlichen Schub gab und alles erklärte.

Barry Newman war gerade daran einen anderen Film zu drehen, als er einen Anruf seines Agenten aus New York erhielt. Er sagte zu Barry, sie würden den Film zerschneiden und ihn zweitranigen Film aussehen lassen. Sie schneiden die „Ramplin“ Szene heraus, weil sie fürchten, das Publikum würde nicht verstehen, warum das Mädchen plötzlich verschwindet.

Der Film wurde daraufhin ohne die „Ramplin“ Szene veröffentlicht. Die originale 107 Minuten Version wurde nie gezeigt. Fluchtpunkt San Francisco hatte Ende Januar 1971 kaum mehr Ähnlichkeit mit der Originalversion. Newman erinnert sich: 20th Century Fox, glaubte keine Sekunde an den Film. Daher kippten sie den Film aus den grossen Kinos und zeigten ihn nur in zweitranigen Kinos, aus welchen er auch nach bereits zwei Wochen wieder verschwand. Fluchtpunkt San Francisco wurde etwas später in London gezeigt. Dort wurde er zum grössten Kassenschlager des Jahrzehntes. Wegen der immensen Popularität von Fluchtpunkt San Francisco in England und Europa, wurde es zu einem Hintertür-Klassiker und kehrte nun in die Top Kinos in den USA zurück.

Barry Newman ist erstaunt, der Film wurde während rund 10 Jahren in den USA nicht mehr ausgestrahlt und doch stehen immer wieder Leute neben ihm und sprechen ihn mit „Vanishing Point-Mann“ an und zeigen mit dem Daumen nach oben.

Was war der Grund, weshalb Fluchtpunkt San Francisco so ein Kultklassiker wurde?

Zu der Zeit als er gemacht wurde, erklärt Newman; lebten wir noch in den Sechzigern, mit dem Individuum gegen die Institutionen. Das Individuum, der Einsame, der Antiheld waren damals sehr, sehr populär und es war sehr bewegend, wenn sich ein solcher Held selbst umbrachte. Der Tod von Kowalski berührte die Leute und liessen sei mitleiden.  Sie kamen zurück und schauten sich den Film wieder und wieder an. Newman spielte Kowalski, einen Mann, der zuvor gescheitert war. Er wollte ein Zeichen setzen und durch die Bulldozer hindurch. Sein Lächeln soll zum Ausdruck bringen, dass er mit seinem Leben abgeschlossen hat und er ist sich bewusst ist, direkt in den Tod zu rasen.

Es war sein Fluchtpunkt, es war seine letzte Fahrt!